von Dirk Brauns

An einem Samstag im November klingelt es an der Tür. Ich stehe kochend am Herd und bitte meine Frau, hinauszugehen. „Zwei Zeuginnen Jehovas“, meint sie wenig später. „Sie wollten wissen, ob mir der Glaube an Gott noch zeitgemäß scheint.“ Kurzentschlossen lasse ich das Spaghettiwasser brodeln, und schlurfe den Missionarinnen in meinen Hauslatschen hinterher.
Sechs Monate darauf darf ich eine der beiden Damen, Christine Geppert, beim „Verkündigungsdienst“ in Fürstenfeldbruck begleiten. Wir treffen uns vor der Sparkassenfiliale am Hauptplatz, erneut an einem Samstag. Für Mitte Mai weht zu kalter Wind. Frau Geppert trägt eine fesche Schiebermütze. Bei ihr ist ihre 39-jährige Tochter Carmen, auch sie eine Zeugin Jehovas. Vorbei an den Trolleys mit den säuberlich einsortierten und in Schutzfolien steckenden Ausgaben des „Wachturms“ reichen wir uns zur Begrüßung die Hände. „Was, wenn alles sinnlos erscheint“, fragt es auf dem Titel des Verkündigungsblättchens.

Bei meinen Recherchen schlüpfe ich nicht selten in verschiedene Rollen. Dennoch überkommen mich in diesem Team trotz aller Absprachen Zweifel. Gehe ich nicht zu weit? Verletzt mein selbstverständliches Mittun gar religiöse Gefühle? Andererseits habe ich Frau Geppert gegenüber von Anfang an, also bereits in Hauslatschen und außer Atem, mit offenen Karten gespielt, ihr von meiner Neugier erzählt, vom aufrichtigen Wunsch, ihre Beweggründe kennenzulernen.
Da stehen wir also, um 10.30 Uhr im Fürstenfeldbrucker Stadtzentrum mit diesen Trolleys voller „Wachturm“-Ausgaben. Exponierter geht es kaum. Und die Menschen, an die sich die Botschaft richtet, sie gehen alle – und ich meine tatsächlich: alle – vorüber.
In ihrer ersten Nachricht, nachdem ich sie angesprochen hatte, schrieb mir Frau Geppert Folgendes: „…vorab: Wir möchten dem Gebot Jesu folgen, das wir im Matthäusevangelium, Kapitel 28, Verse 19, 20 finden: Geht und macht Menschen aus allen Völkern zu meinen Jüngern, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …“
Hatte ich je eine sendungsbewusstere SMS erhalten? Die mir gegenüberstehende Frau Geppert, mit der ich wie von selbst ins Plaudern gerate, erweist sich als überhaupt nicht bedrängend. Im Gegenteil: Locker, zugänglich und lebensklug kommt sie mir vor. Sie berichtet von ihren vier erwachsenen Kindern – Carmen ist die Älteste – von den Jahren, in denen sie als medizinische Fachkraft in einer Arztpraxis arbeitete, von der „nur mit Gottes Hilfe“ zu bewältigenden Zeit als alleinerziehende Mutter.
„Wir richten unser Leben nach der Bibel aus. Sie ist der Maßstab für alles, das wahrhaftige und gesetzgültige Wort Gottes“, bekennen Mutter und Tochter unisono. Es sind kategorische Sätze. Angesichts der ignoranten Passanten, der bunten Ladenfronten, der sich stauenden Autos in der Hauptstraße könnten sie wie Kampfansagen klingen. Trotzig, auswendig gelernt. Aber so ist es nicht. Wenn Frau Geppert über ihr schockartig einsetzendes „Verstehen“ spricht, über das „Leben in der Wahrheit“, wie sie ihr Zeugin-Jehova-Sein bezeichnet, dann spricht sie radikal über sich selbst. Dann hat man den Eindruck, dass sie einem ihr Herz öffnet.
Detailreich und stolz erinnern sich beide Frauen an ihre Taufe. Frau Geppert absolvierte die Zeremonie 2000, ihre Tochter Carmen 2004. Wiederholt betonen sie das Grundvertrauen und den Zusammenhalt innerhalb der „Versammlung“ Fürstenfeldbruck. Die Zahl der Mitglieder sei seit Jahren stabil und läge aktuell bei 119.

Einige Tage später bin ich mit Dr. Markus Ambrosy verabredet. Der Theologe leitet das evangelische Dekanat des Landkreises, ist somit auch für die Erlöserkirche und Gnadenkirche in Fürstenfeldbruck sowie die Versöhnungskirche in Emmering zuständig. Aus besonderem Anlass treffen wir uns vor der Versöhnungskirche. „Am 28. Juni wird hier Schluss sein. Was für eine wunderschöne Kirche! Ich liebe dieses Gebäude! Es ist lichterfüllt, offen, multifunktional und nur 38 Jahre alt. Aber wir müssen entwidmen. Wir sehen keine andere Lösung“, so Ambrosi.

Kopfschüttelnd steht der Dekan am Altar und zeigt nach oben, auf „Spannungsrisse im Putz“, die quer über die Betonwände verlaufen. Gebäudetechnisch sei das kein großes Problem. Das Problem seien die Finanzen. „Für den Unterhalt des Hauses sind jährlich rund 35.000 Euro nötig: Energie, Reinigung, Instandsetzung, Service und Personalkosten. Es sind herrlich hohe Räume, aber wir heizen mit diesem Bau doch den Himmel“, schwärmt und stöhnt der Kirchenherr in einem Satz. Über sein spontanes himmlisches Wortspiel kann er nur bitter lachen: „Um es unverhohlen zu sagen, bin ich hier der Abwickler, derjenige, der von außen die Tür schließt. Unsere Gemeinde verliert jährlich drei Prozent ihrer Mitglieder. Wo wird das enden? Wie viel Kirche können wir uns überhaupt noch leisten? Meine Mutter hat oft ein Sprichwort verwendet: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Nun ist es so weit.“

Der 61-Jährige zeigt mir fast die gesamte Kirche: die angeschlossenen Gemeinderäume, die Empore, weiter hinauf bis zur Terrasse unter dem Glockenturm. Pragmatisch und nicht ohne Galgenhumor berichtet er, dass die Weiternutzung der Immobilie geklärt, aber noch nicht spruchreif sei. Und auch für die Kirchenbänke habe er zu seiner Erleichterung einen Interessenten gefunden. „Ein ortsansässiger Schreiner wird daraus neue Möbel herstellen.“ In Polohemd und Jeans läuft der rührige Liquidator treppauf und treppab vor mir her und antwortet dabei ausgesucht freundlich und, so scheint es mir, stets druckreif auf meine Fragen.
Gegen Mittag sind wir wieder draußen, auf dem weitläufigen Platz beim Bürgerhaus, der vor wenigen Jahren mit EU-Geldern als Emmerings neuer Begegnungsort umgestaltet wurde. Am Springbrunnen versucht eine Frau, ihr Hündchen zum Trinken zu animieren. Chefabwickler Ambrosy blinzelt in die Sonne und sagt: „Hier tummelt sich leider niemand.“

Christine Geppert und ihre Tochter haben mich an unserem experimentellen Samstag noch zum Missionieren in ein Dorf mitgenommen. In Langwied leben etwa hundert Einwohner. Im Nieselregen begleite ich die beiden Zeuginnen Jehovas von Haus zu Haus. Wenn sie an Türen klingeln, trete ich einen Schritt zurück. Meist gehen die Türen nach dem ersten Hinweis auf Gott, Jesus oder die Bibel sofort wieder zu. „Wir kommen ungelegen. Die Menschen sind fleißig“, sagt Christine Geppert dazu. Ich spüre nicht, dass das Desinteresse sie trifft. Mit einem Elan, den ich nur konstatieren kann, schreiten Mutter und Tochter durch den Nieselregen.

Schließlich ergibt sich doch ein längerer Austausch. Ein Mann in Arbeitskombi, auf seinem Bagger steht etwas von „Erdbewegungen“, lobt den örtlichen Pfarrer, der zuhören und sich kümmern würde. Seit Corona seien viele Menschen rücksichtloser geworden, das beobachte er besonders im Straßenverkehr.
Hinterher traue ich mich, ihn nach den Gründen für seine Gesprächsbereitschaft zu fragen. Empfindet er Zeuginnen Jehovas gegenüber keine Berührungsangst? Augenzwinkernd weist er hinter sich, auf sein Firmenschild. „Woher denn? Gesprächspartner von heute sind die Kunden von morgen!“
Abends darf ich an einer „Christenversammlung“ im Fürstenfeldbrucker „Königreichsaal“ teilnehmen. Das Gebäude, in dem zwei Mal pro Woche Gottesdienste stattfinden, wirkt unscheinbar. Als wollte es sich der profanen Nachbarschaft von „Lidl“, „Fressnapf“ und „Coca-Cola“- Fabrik anpassen. Im Inneren warten allerdings Überraschungen. Nachdem ich vielen durchweg sehr freundlich lächelnden Unbekannten die Hand gegeben habe, beginnt der Gottesdienst. Ich setze mich in die letzte Reihe. Bei dem, was ich dann miterleben darf, muss ich an den evangelischen Dekan Ambrosy denken. Als ich ihm von meiner Zeugen-Jehova-Recherche erzählte, kommentierte er: „Natürlich war ich dort auch zu Gast. Ich schaue mir alles an. Religion hat immer mit Sehnsucht, mit Nächstenliebe zu tun. Insofern verstehe ich die dortige Suchbewegung und respektiere das Bedürfnis nach Verbindlichkeit. Was uns sicherlich unterscheidet, ist die Betriebstemperatur.“

Ob sich die Betriebstemperatur einer Religionsgemeinschaft messen lässt, weiß ich nicht. Sie zu empfinden, bleibt etwas höchst Subjektives. Aber was ich im Königreichsaal beobachte und worüber ich staune, betrifft zweifellos den Betriebscharakter des Gottesdienstes, falls sich so etwas sagen lässt. Der funktionale Raum, in dem etwa achtzig meist festlich gekleidete Menschen jeden Alters sitzen, wirkt mit seinen Grau- und Weißtönen, den von der Decke hängenden Bildschirmen mit dem aktuellen Bibelthema und der Rednerbühne samt großflächiger Akustikpaneele eher wie ein Ort für Tagungen oder Businesstreffen. Jedes Detail, sowohl des Raumes als auch des Ablaufes, scheint akribisch geplant. Das geht, um es deutlich zu machen, soweit, dass auch für die zwei Stufen der Rednerbühne ein winziges Geländer an die Wand geschraubt wurde. Und nach dem ersten, ebenfalls überaus strukturierten Vortrag eines Gemeindebruders (Thema: Die Bibel als wahrer Ratgeber im Gegensatz zur Ratgeberliteratur in den Buchläden) springen mehrere Männer auf und eilen zu den Fenstern. Im ersten Moment erschrecke ich. Begreife dann aber, dass es ums Stoßlüften geht. Lächelnd stehen die Herren neben den geöffneten Fenstern und die frische Luft strömt, wie ich vermute, eine festgelegte Zeit lang in den Saal.
Überhaupt dieses Lächeln. Während ich mich am Ende mit Pressesprecher Simon Bödecker unterhalte, bricht aus mir die ketzerische Frage hervor, ob es ein Zeugen-Jehova-Lächel-Gebot gebe. „Nein“, sagt er. „Es ist tief empfunden. Wir wissen voneinander, was dem anderen wichtig ist. Wir wissen, dass er Jehova liebt. Daher unsere Freude!“

Mit Christine Geppert führe ich (bei ihr zu Hause) ein Video-Interview. Sie wehrt sich dagegen, ihre Hinwendung zu Jehova als „Erweckungserlebnis“ anzusehen, spricht stattdessen von einer „bewussten Entscheidung“, die ihrem Leben Halt gegeben hätte. Anschaulich schildert sie, wie sie sich vom katholischen Kinderglauben an die „unsterbliche Seele“ löste, wie ihr nach dem Haustür-Besuch einer Zeugin Jehovas ein Licht aufging und sie ihren Glauben neu ausrichtete.
Dekan Ambrosy macht sich vor der Entwidmung der Versöhnungskirche Gedanken um die Predigt an diesem Tag, um seine, wie er es formuliert, „letzten Worte für diese Kirche“. Ihn beherrschten ambivalente Gefühle. Aus professioneller Sicht sei er froh über die gefundene Lösung. „Andererseits müsste ich ein extrem harter Hund sein, wenn ich nicht große Trauer empfände.“ Am 28. Juni ginge es für ihn darum, Haltung zu bewahren und das Unvermeidliche zu moderieren. „Scheinbar“, gibt er zu bedenken, „erleben wir einen nie enden wollenden Niedergang. Aber die Interpretation der Entwicklung läuft meiner Meinung nach fehl. Denn wer seine Kirchenmitgliedschaft quittiert, gibt damit nicht gleichzeitig den Glauben und schon gar nicht den damit verbundenen Wertekanon auf. Wenn wir das in einen Topf werfen, schneiden wir uns von den Menschen ab!“
Dann ist es Punkt zwölf Uhr. Wir verabschieden uns, während die Glocken im Turm der Versöhnungskirche läuten – ein vertrautes Geräusch und ein Zeitzeichen. Zumindest das.
Autor: Dirk Brauns
