Kolumne von Dirk Brauns, April 2026

Mit ihren bunten Tattoos und Piercings sieht Christina Klaffus aus wie die Sängerin einer Rockband. Wer die Bestatterin in der Fürstenfeldbrucker Filiale von „Hanrieder“ trifft, der versteht unmittelbar, wie sehr die Branche sich gewandelt hat.
„Ich komme aus einer Schreinerfamilie, in vierter Generation. Schon als Kind waren Särge für mich eher Gegenstände des Lebens. Der Tod ist für mich kein Tabuthema, ist es nie gewesen.“
Die 33-Jährige sitzt am Tisch eines in neutralem Weiß gestalteten Beratungszimmers, in dem normalerweise Unterredungen mit Angehörigen stattfinden. Hätte ich nur ein Wort zur Verfügung, um Christinas Wirkung zu beschreiben, würde ich „authentisch“ wählen. Im Gespräch mit ihr empfinde ich genau das. Eine Stimmigkeit und Zugewandtheit, wie sie vielleicht nur Menschen ausstrahlen, die ihre Berufung gefunden haben.
„In der 6. Klasse gab es in meiner Schule in Gilching den sogenannten Girls´ and Boys´ Day, ein frei wählbares Praktikum. Ich verbrachte diesen Tag bei einem Bestatter, habe mir alles angeschaut, alles mitgemacht und fand es großartig! Erstmals war ich auch in der Gerichtsmedizin. Wir haben dort einen Verstorbenen abgeholt, der nur ein Bein hatte. Ich war zwölf Jahre alt und mich beschäftigte – darüber wundere ich mich bis heute – vor allem, wie wir das mit der Hose hinbekommen werden.“
„Am Abend“, berichtet Christina mit ihrem warmen, raumfüllenden Lachen, „kam ich nach Hause und wusste und habe das meinen Eltern auch direkt mitgeteilt: ich werde Bestatterin!“
Für ihren Chef, Firmeninhaber Ralf Hanrieder, ist eine Mitarbeiterin wie sie ein Glücksfall. „Für unsere beratende, betreuende Tätigkeit sind Persönlichkeit und Haltung entscheidend! Wir begleiten Menschen in Schleusenzeiten, nicht selten in existenzieller Not. Dafür braucht es ein Bündel von Eigenschaften, die Frau Klaffus alle mitbringt“, stellt er bei einem Treffen in der Firmenzentrale klar. Und räumt ein, dass er sich dennoch vor ihrer Anstellung „gewisse Gedanken“ gemacht hätte.

Er hätte sich die Frage vorlegen müssen, wie die oft älteren Hinterbliebenen aus einem „grundsoliden Landkreis wie Fürstenfeldbruck“ auf eine Ansprechpartnerin wie Frau Klaffus reagieren würden.
Ralf Hanrieder – Motto seines Unternehmens: „Bestattung geht auch anders“ – hat sich für sie entschieden und unterstreicht mit ausgebreiteten Armen, wie froh er darüber ist.
Der 46-Jährige ist in den von seinem Vater gegründeten Familienbetrieb hineingewachsen, empfand vor dem Handwerk der letzten Dinge nie Berührungsängste. „Als Kind habe ich im Sarglager gespielt oder mal auf dem Bagger gesessen und ein Grab ausgehoben. Dass es auch mein Beruf werden würde, konnte ich mir jedoch lange nicht vorstellen.“ Vor allem die permanente Erreichbarkeit, damals noch ohne Handy, habe ihn abgeschreckt. „Im Kino war ich stets nur mit einem Elternteil. Und wenn mein Vater im Garten arbeitete, dann zottelte er ein 20 Meter langes Festnetzkabel hinter sich her.“
Erst der Tod seiner Großmutter, da war er achtzehn, ließ ihn schockartig umdenken. „Mein Vater und ich holten ihren Körper aus dem Krankenhaus. Ich habe dann geholfen, sie umzukleiden, sie vorzubereiten und empfand dabei etwas schwer zu Beschreibendes – ein Vakuum.“
Ralf Hanrieder erzählt die Geschichte seines Gesinnungswandels bestimmt nicht zum ersten Mal. Er erzählt sie routiniert, aber man kann seinen weit geöffneten Augen noch die Fassungslosigkeit des jungen Mannes ansehen.
Nach kaufmännischer Lehre und einem Praktikum beim damaligen Bestattungsreformator Fritz Roth in Bergisch-Gladbach kam Ralf Hanrieder 1998 zurück, um zu verändern. „Die Branche war verstaubt. Alles schwarz und unpersönlich, wie erstarrt in sinnbefreiten Ritualen. Wenn ich für Verstorbene mal andere, womöglich zu ihrem Leben passende Musik spielen ließ, wurden manche Pfarrer hinterher fast handgreiflich und drohten die Zusammenarbeit aufzukündigen. Aber eine Trauerfeier kann und soll das Leben feiern. Heute machen wir das, ist es eine schöne Selbstverständlichkeit geworden. Abschiedsreden erzählen Biografien. Verabschiedungen am offenen Sarg sind wieder gestattet. Und natürlich können Särge bemalt werden. Wenn es jemand wünscht, stellen wir auch die Harley vor die Aussegnungshalle.“
Ein sichtbares Zeichen dieses Wandels ist der Boom der Baumbestattungen. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage wünschen sich 24 Prozent der Deutschen eine letzte Ruhestätte im Wald, unter einem Baum ihrer Wahl. Tendenz steigend.

An einem kühlen, windigen Morgen bin ich mit Christiane Gräfin von Spreti und Daniela Seichter vom Team der „Waldruh Mammendorf“ verabredet. Wir treffen uns auf einem Parkplatz mitten im Wald, nur etwa zehn Gehminuten vom Bahnhof Mammendorf entfernt. Die beiden Frauen, eingepackt in Daunenjacken mit Firmenschriftzug und ihren Namen, führen mich durch den im August 2025 eröffneten Bestattungswald.
Geschäftsführerin Gräfin von Spreti – ihrer Familie, die unweit ansässig ist, gehört das Areal – versorgt mich mit Fakten:
„Von der Idee bis zur Umsetzung dauerte es ca. zwei Jahre. Der Flächennutzungsplan musste geändert werden, zahlreiche Genehmigungen waren nötig. Auf 2,2 Hektar gibt es etwa 2.500 mögliche Grabstellen, von denen bereits 20 Prozent belegt sind. Und Erweiterungspotenzial besteht.“

Hackschnitzelwege führen zwischen den Bäumen hindurch. Auf Lichtungen liegen Findlinge, dazwischen stehen Bänke. „Hier ist jeder willkommen, unabhängig von Wohnort oder Konfession – auch ohne religiöse Zugehörigkeit“, betont Gräfin von Spreti. Am überdachten Andachtsplatz zeigt sie hoch ins Gebälk. Dort wurde ein schlichtes Holzkreuz so dezent eingefügt, dass es erst beim zweiten Hinsehen auffällt.

Wer eine Urnenbestattung unter einem der 242 Bestattungsbäume oder an einem der Bestattungsfindlinge erwägt, kann jeden ersten und dritten Samstag im Monat an einer Führung teilnehmen – oder einen individuellen Termin vereinbaren.
Bei dieser Gelegenheit könnte er Frau Seichter begegnen, einer erfahrenen Trauerbegleiterin, die sich bei „Waldruh“ u.a. um die Findung der zur jeweiligen Persönlichkeit passenden Baumart kümmert.
Frau Seichter ist ein angenehm zurückhaltender Mensch. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie Interessenten aufmerksam zuhört, verbale wie nonverbale Signale berücksichtigt, um bei der Entscheidung zu helfen. „Manchmal stehen grazile Persönchen vor mir und wollen unter einer alten Eiche bestattet werden. Dann empfehle ich behutsam andere Baumarten, eine Kirsche etwa. Die haben wir ebenfalls im Bestand.“
Für das, was Frau Seichter hier vor Familien- und Gemeinschaftsbäumen tut, benötigt sie Feingefühl, muss sie sowohl hin- als auch mal wegschauen können.
Ob der passende Platz gefunden wurde, zeigt sich in sehr emotionalen Momenten – etwa, wenn „einem gestandenen Mann beim Berühren seines Baumes die Tränen kommen“.
Es ist erstaunlich, was dieser Ort in Menschen auslösen kann.
Dass Konventionen schwinden und neue Räume aufgehen, in denen man anders kommunizieren muss, spürt auch Christina Klaffus. „Ich habe es mir abgewöhnt, den Angehörigen mein Beileid auszusprechen. Das ist zu klischiert, zu übergriffig und stieß auf Kritik. Deshalb drücke ich nun meine Anteilnahme aus. Die Formulierung ist ehrlicher“, berichtet die junge Trauerbegleiterin. Neben organisatorischen Beistand hätte ihre Arbeit viel mit Seelsorge zu tun. Da dürfe es keine falschen Töne geben. „Trost kann ich nur spenden, wenn ich mich auf mein Gegenüber einlasse, wenn ich versuche, seine Welt ein Stück weit mitzuerleben.“ Sinnierend schaut sie auf ihre tätowierten Unterarme. „Bevor ich meine Jacke ausziehe, frage ich zum Beispiel grundsätzlich, ob das in Ordnung wäre.“
Angesichts mancher technischer Neuerungen der Branche wie „Reerdigung“, einer Art Humusbestattung, oder „Permission“, einer in Schweden entwickelten Methode, bei der der menschliche Körper schockgefroren und danach pulverisiert wird, könne einem der Kopf schwirren, räumt die Bestatterin ein. Es bliebe aber abzuwarten, ob solche Verfahren in Deutschland zugelassen würden.

Als Überflieger unter den regionalen Bestattern kann Peter Kramer gelten. Der ehemalige Polizist hat 2002 „bei null“ begonnen und sein Unternehmen „Abschied“, derzeit: 40 Mitarbeiter, ideenreich groß gemacht. „Die Konkurrenz hat uns anfangs belächelt“, erinnert sich der 64-Jährige mit der signalroten Brille in seinem Büro und grinst. „Wir haben Radiowerbung geschaltet. Unsere Autos waren weiß und aufwendige Blumendekorationen wurden zu unserem Markenzeichen.“

Getreu seinem Credo „Alles ist möglich“ bietet der Selfmademan auch Flugbestattungen im Ausland oder über internationalen Gewässern an. Und umgeht damit legal den in Deutschland bestehenden Friedhofszwang. „Durch die Freisetzung der Asche in den Lüften verbinden Sie das irdische Dasein Ihres geliebten Menschen mit der Weite des Himmels“ heißt es auf der Homepage.
Kurz nach unserem Treffen in der Firma hat der selbstfliegende Kramer einen Platz in seiner Piper PA-28 frei, darf ich beim „Verfliegen der Asche“ dabei sein.
Ein Donnerstagmorgen am Flugplatz Jesenwang. Auf dem Parkplatz bespricht sich Kramer mit zwei Angehörigen, die, wie sich herausstellt, nicht nur emotional angefasst sind, sondern auch Flugangst haben und deshalb am Boden bleiben. Verabredet wird ein Zick-Zack-Kurs und Flügelwackeln über dem Ammersee. „Daran können Sie uns auf jeden Fall erkennen“, verspricht Kramer. Dann fahren die beiden zu ihrem Beobachtungspunkt und wir begeben uns zur startbereiten Maschine.
Wie sich herausstellt, darf ich diesen Flug Richtung Österreich nicht nur miterleben. Als einzigem Passagier wird mir auch die ehrenvolle Aufgabe zuteil, die Asche zu verstreuen. Eine halbe Stunde lang dröhnt der Motor.
Ich kämpfe mit dem Sprechfunk – und mit meinen widersprüchlichen Empfindungen. Zick-Zack-Manöver und Flügelwackeln werden ausgeführt. Seen gleiten unter uns hinweg. Alpenmassive leuchten in der Sonne. Und mir geht der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass eine Urne auf mich wartet. Über dem Walchsee ist es so weit, lasse ich die Asche durch einen Trichter nach draußen rieseln. Wenn das jemand für sich bestimmt hat, denke ich dabei, dieses spektakuläre, absolute Verschwinden in 10.000 Fuß Höhe, dann ist es gut so, dann wird er seine Gründe gehabt haben.
Ob ihr irgendein Bestattungswunsch besonders in Erinnerung geblieben sei, frage ich Christina Klaffus zum Schluss.
„Oh ja – eine 95-jährige hatte einmal verfügt, im schwarzen Pelz und mit roten Pumps bestattet zu werden. Das fand ich schön.“, antwortet sie sofort. Und es klingt, als könne sie sich das nach einer langen Lebensreise auch als letztes Outfit für sich selbst vorstellen.
