Tafelfreuden


Beitrag von Dirk Brauns, Februar 2026, aus der Reihe „Menschen im Landkreis“

Ein Donnerstagmorgen Ende Januar, auf einem Hinterhof in Fürstenfeldbruck. Nachts ist Schnee gefallen. Er hat die Stadt verzaubert, ließe sich schwärmen. Doch die hier Wartenden sind nicht der Romantik wegen gekommen. Um 8.30 Uhr öffnet die „Brucker Tafel“. Wer hier mit Tasche, Rucksack oder Wägelchen ansteht, der schwärmt vor allem für Lebensmittel.              

Ich bin mit Volker Brück verabredet, dem „Ladenleiter“ an diesem Tag, dem Mann mit der „Schlüssel- und Haushoheit“, wie er erklärt. Der 65jährige war IT-Spezialist, dann Coach für Kinder und Jugendliche. Er lächelt häufig. Mal hintergründig, mal breit und offen. Wir begegnen uns zum ersten Mal und er ist mir auf Anhieb sympathisch. Liegt es an den Umständen, am Miteinander an diesem Ort? Für Reflexionen bleibt keine Zeit. Die wuselige Atmosphäre, die diversen Vorbereitungen, Absprachen, zu erledigenden Gänge der „Zeitspender“ genannten Helferinnen und Helfer wirbeln auch mich durch die Räume. Danebenzustehen wäre seltsam und so versuche ich, mit anzupacken, reiche Kartons zu oder hole etwas aus dem Lager. Volker – wir duzen uns schnell – stellt mich dem Team vor. Ich sehe gutgelaunte Gesichter, höre Namen und vergesse sie im Getöse wieder. Später mache ich ein Foto vom Dienstplan. An Donnerstagen (die „Brucker Tafel“ hat donnerstags und samstags geöffnet) arbeiten hier freiwillig und unentgeltlich: Bärbel, Gertrud, Monika, Petra, Cornelia, Volker, Thomas und Christian.

Kisten mit Obst, Gemüse, Backwaren und Konserven werden hereingetragen, der Inhalt in Regale sortiert. Es gibt vier Ausgabe-Stationen: Trockenware, Kühlware, Obst und Gemüse sowie Backwaren. Die rund 140 für heute registrierten „Abholer“ werden nach einem farblich organisierten System versorgt. Weiße Kärtchen zuerst, danach folgen im Stundentakt Schwarz, Rot, Gelb, Grün und Blau.

Ich gehe hinaus, zu den Wartenden. Mehr als alles andere interessiert mich die Gefühlswelt der Tafel. Ich möchte erfahren, was die Menschen dort draußen zu erzählen haben, wie sie sich selbst sehen. Doch obwohl Volker mich begleitet und behutsam für mein Anliegen wirbt, es funktioniert nicht. Kopfschütteln ist das, was ich ernte, Zurückweichen, Schweigen. Nur eine junge Frau, in deren Augen etwas wie Gesprächsbereitschaft aufblitzt, lässt sich überreden, mich am Nachmittag im „Hofcafé“ (wo sie arbeitet) für ein Interview zu treffen.  

 „Scham ist ein oft übersehenes Thema“, bestätigt Volker. Wer in die Situation gerate, die Tafel zu brauchen – durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eine zu geringe Rente – sei es meist nicht gewohnt, Unterstützung anzunehmen und hätte große Angst, erkannt zu werden. Im gewohnten Umfeld als bedürftig, als arm ausgemacht zu werden, sei für viele eine schreckliche Vorstellung und gleichbedeutend mit biografischem Scheitern. „Wir wissen von einigen, die deshalb nicht herkommen.“    

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Die wachsende Armut in Deutschland lässt sich in Zahlen fassen. Wie das Statistische Bundesamt im Februar 2026 mitteilte, gelten 13,3 Millionen Bundesbürger als armutsgefährdet. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung und bedeutet einen Anstieg zum Vorjahr um 0,6 Prozent. Besonders betroffen sind neben Arbeitslosen vor allem Alleinlebende und Menschen im Ruhestand.

In Vorbereitung dieses Beitrages habe ich Freunde und Bekannte zu ihren Beobachtungen und Gedanken beim Stichwort Armut befragt. Auffallend an diesen Gesprächen – abgesehen davon, dass alle irgendwann von einem konkreten Menschen und dessen Not erzählten – war vor allem der Umstand, dass sich niemand vorstellen konnte, selbst in eine solche Lage zu geraten.    

Umso dankbarer bin ich, bei meinen Ausflügen vor die Tafel-Tür schließlich auf Eva zu stoßen. Festen Blickes und mit beeindruckender Klarheit spricht die 64-Jährige über ihre, wie sie es nennt, „beginnende Armut“.

„Weshalb ich hier bin? – um Lebensmittel zu holen! Für meine behinderte Tochter und mich. Anfangs gab es eine Schwelle. Mich in diese Schlange dort einzureihen, fiel mir nicht leicht. Aber der Erzeuger meiner Tochter verweigert jegliche Unterstützung. Ich muss mich kümmern, muss für unser Auskommen sorgen.“

In zehn Minuten lässt sich ein Leben allenfalls erahnen. Weil Eva so unerschrocken und reflektiert wirkt, wage ich zu fragen, ob ihr als ausgewiesener Lebensmittel- und Leistungsempfängerin nicht auch Vorhaltungen begegnen würden. Wie sie darüber denkt, erfährt man im Video.

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Mittlerweile ist es halb zehn. In den Räumen der Tafel herrscht reger Betrieb. Mit Christian, einem „Zeitspender“, dessen Jobbezeichnung „Runner“ lautet, sorge ich für Nachschub bei den Backwaren. Bald übernehme ich auch die Aufgabe, Windelpakete zuzureichen und muss aufpassen, muss mich ob meiner journalistischen Nebentätigkeit höllisch konzentrieren, die verlangten Größen auszugeben.

Christian ist seit anderthalb Jahren dabei. Nach einer Long-Covid-Erkrankung fiel er in ein tiefes Loch, wollte wieder etwas tun, wollte etwas zurückgeben. „Hier erlebe ich vor allem Dankbarkeit. Viele Kunden kenne ich, auch ihre Hintergründe. Ins Gespräch zu kommen, tut gut.“
Als „Runner“, erklärt er mit einem Augenzwinkern, transportiert er Waren, trägt Biomüll raus und flitzt ständig umher. „Für die Obst und Gemüse-Theke war ich zu gutmütig. Ich habe immer zu viel ausgegeben.“

Der Laden brummt, könnte man sagen, weil Menschen Lebensmittel einpacken, weil Fahrer nach ihren Touren hereinkommen und im Büro frühstücken, weil die Klobrille der Toilette, wie jemand ruft, von einem schweren Malheur betroffen ist, weil auf dem Hof plötzlich Glatteis herrscht und von der Tankstelle Streusalz geholt werden muss. Es gibt für dieses Brummen, dieses wild gemischte Arbeitsgeräusch der Tafel, diverse Gründe. Aber einer überrascht mich besonders, obwohl daran im Grunde nichts Überraschendes ist. Ich hätte nicht gedacht, wie sehr die Tafel eine Art Nachrichtenbörse ist, eine Anlaufstation für die Suchenden, wo ihnen, selbstverständlich und nebenher, auch mit Informationen geholfen wird.

Eine Frau mit Kopftuch bittet zaghaft um Rat bei der Wohnungssuche. Ihrer fünfköpfigen Familie wurde wegen Eigenbedarfs gekündigt. Volker hört zu und gibt Kontakte zur Bürgerstiftung weiter.

Wenig später taucht eine weitere Frau auf. Sie bricht in Tränen aus, als wir ihr Kaffee anbieten. Flüsternd, kaum zu verstehen, gesteht sie, zwei Wochen mit sich gerungen zu haben. Aber der Hunger sei nicht mehr auszuhalten. Sie wolle sich anmelden. Volker erledigt mit ihr die Formalitäten, führt sie anschließend herum. Und das alles zügig. Die Frau hat Hunger!

„Manchmal können unsere Kunden nicht gut für sich selbst sorgen. Wir beraten bei der Jobsuche, drücken bei Gerichtsverfahren die Daumen. Es kam schon vor, dass wir für einen Schuldner einen Deal mit dem Staatsanwalt, also die konkreten Ratenzahlungen ausgehandelt haben.“

Da ist es wieder, Volkers verschmitztes Lächeln.

Wenn es um die gelebte Barmherzigkeit der Tafeln geht, dürfen die Lebensmittelspender nicht vergessen werden. Kurz vor Schichtende spreche ich darüber mit der Verantwortlichen an der Brottheke. Monika ist seit acht Jahren dabei und beobachtet zunehmende Bedürftigkeit, besonders unter Rentnern, sowie steigende Lebensmittelpreise. „Es gibt Menschen, die ohne uns hungern würden.“

Umso wichtiger und schöner sei die Großzügigkeit lokaler Bäckereien, die viel frische Ware spenden würden. „Weil sie dort ein großes Herz haben“, sagt Monika dankbar.

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Am Ende meiner Recherche begegne ich der jungen Frau wieder, die mir am Morgen in der Warteschlange aufgefallen war. Luisa ist gelernte Zweiradmechatronikerin und lebt, nach einer psychischen Erkrankung, in einer betreuten Wohngruppe. Im „Hofcafé“, wo sie übergangsweise als Kellnerin arbeitet, schildert sie ihre Nöte und betont, wie sehr die Tafel ihr helfen würde, über die Runden zu kommen. „An das Anstehen, auch das Drängeln und Schimpfen, musste ich mich gewöhnen. Aber die Lebensmittel sind ein riesiges Geschenk.“

Weihnachten hätte es zusätzlich einen Supermarkt-Gutschein über dreißig Euro gegeben. „Davon konnte ich meiner Familie ein Tiramisu machen.“, erinnert sich Luisa und strahlt.